Elternrede zur Verleihung der Abiturzeugnisse am 25.6.10
26. Juni 2010 von Rolf Mütze
Aufgrund verschiedener Anfragen von Eltern und Schülern, veröffentlichen wir hier den Text der Rede
Junge, warum hast du nichts gelernt?
Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto.
Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz
Es ist noch nicht zu spät, dich an der Uni einzuschreiben
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Die Jugend von heute liebt den Luxus,
hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.
Sie widersprechen ihren Eltern,
legen die Beine übereinander und tyrannisieren die Lehrer.
Sokrates im 5. vorchristlichen Jahrhundert
–
Es ist noch einmal ein Schritt in die eigene Vergangenheit.
Wenn ältere Erwachsene über ihre Schulzeit sprechen, kokettieren sie gerne damit, was und wie wenig ihnen an Erinnerung an die eigene Schulzeit geblieben ist.
Der Geruch der Schule, ein, zwei Lehrer, die einem in Erinnerung bleiben, die romantischen Gefühle gegenüber der Klassenkameradin, die immer unerfüllt blieben.
Ihr habt in den vergangenen Wochen im Chemie- oder Physikraum gesessen und viele von euch wissen: Dies ist die letzte Chemiestunde meines Lebens. Ich werde voraussichtlich niemals mehr etwas über Chemie erfahren. Das ist – bei aller Freude, die darüber aufkommen kann – auch ein bisschen traurig.
Die anwesenden Eltern haben mit eurer Schulzeit genau diese Erfahrung gemacht: Konfrontiert mit den Pisatests im Jahr 2001 mussten sie realisieren, dass ihr Wissen in Mathe, den Naturwissenschaften aber auch anderen Fächern gerade noch bis zur achten Klasse reicht, um im neunten Schuljahr abrupt zu enden. Nachfragen der eigenen Kinder wurden ab diesem Zeitpunkt hilflos an professionelle Nachhilfelehrer weitergereicht.
Der Pisa-Schock war unter anderem die Einsicht in diese Vergeblichkeit schulischen Tuns.
Dennoch.
Nur in der allgemeinbildenden Schule gibt´s Allgemeinbildung, die tatsächlich allgemein ist und tatsächlich Bildung. Innerhalb der Institution Schule ist es nur eine Frage der Zeit, klüger werden zu können. Theoretisch. In vielen Bereichen.
Ihr werdet euch spezialisieren. Sei es über eine Berufsausbildung, sei es im Studium. Ihr werdet in den Bereichen, in denen ihr euch spezialisiert, euren Lehrern und Eltern überlegen werden. In der Schule, werdet ihr denken, hat man euch ja nur die halbe Wahrheit erzählt. Vielleicht kannten eure Lehrer die andere Hälfte gar nicht.
Es gibt einen Unterschied zwischen Schule auf der einen, Hochschule und Berufsausbildung auf der anderen Seite: Schülern bringt man aus allen Disziplinen etwas bei – oder versucht es zumindest. Studenten und Auszubildenden nicht.
Für viele Studenten wird das eine Erlösung sein, auf Wissen verzichten zu dürfen, das einen eh nie interessiert hat. Andere werden es bedauern. Das All-Inclusive-Angebot der Schule hatte etwas verführerisches.
Vielleicht hält sich dieses die Waage: Dass der Student sich sowohl dümmer als auch schlauer fühlt.
—
Mein eigenes Abitur liegt über 30 Jahre zurück. Bei einigen hier anwesenden Eltern müsste es ähnlich sein. Ich kann hier nur für mich sprechen:
Es liegen Welten zwischen Eurem Abiturjahrgang und dem Abiturjahrgang von – sagen wir – 1978. Damals gab es keine Abifeier mit gesetzten Reden, keinen Abischerz und keinen Abiball.
In dem Jahrzehnt zwischen 1968 und 1978 erschienen solche Initiationsriten verstaubt. Wir befanden uns als Schüler in Nach-68er-Fahrwasser. Wenn wir Glück hatten, begegneten wir den ersten Lehrern und Lehrerinnen, die völlig neue Inhalte an die Schule gebracht haben:
Nord-Süd-Konflikt und Ausbeutung. Der Öltanker Amoco Cadiz der US- Amerikanischen Firma BP/Amoco sinkt und verliert mehr als 223.000 Tonnen Rohöl; Harrisburg und Seveso, Sandoz und Bhopal und schlussendlich Tschernobyl lassen am bis dahin ungebrochenen Fortschrittsglauben zweifeln.
Erste Demonstrationserfahrungen in Brokdorf und Grohnde. Parallel Rasterfahndung und RAF-Debatte. Die Jugend im Deutschen Herbst.
Und auch: völlig neue Erwartungen, die an uns junge Männer von unseren weiblichen Artgenossen gestellt wurden
Anders als unsere jungen Lehrer und Lehrerinnen und anders als unsere großen Geschwister der Studentenbewegung waren die Abschlussjahrgänge der Endsiebzigerjahre erstmals mit ökologischen Ängsten und ökonomischen Unwägbarkeiten konfrontiert. Der Begriff der „gebrochenen Erwerbsbiographie“ wurde eigens für uns von der Soziologie entwickelt.
In diesem Klima gehörte Dagegensein, Opposition dazu und wurde kultiviert. Modisch gesehen: nichts war zu kurz, zu eng, zu bunt, zu gemustert, um untragbar zu sein. Lange Haare hatten Hochkonjunktur. Auch das war Opposition.
Mit Latzhose in die entstehende Ökobewegung oder mit den Sex Pistols in die Ästhetik des Kaputten.
Kurz: Wir habe nichts vermisst, als wir unsere Abizeugnisse im Sekretariat abholten.
In der Zwischenzeit haben wir vieles dazu lernen müssen:
dass der Ost-West-Konflikt sang- und klanglos der Globalisierungsdebatte gewichen ist
dass China Exportweltmeister ist und dort iPads unter frühkapitalistischen Bedingungen produziert werden
dass Berlin nicht mehr Fluchtort für Kriegsdienstverweigerer ist, sondern Endlagerstätte für Politiker
dass deutsche Soldaten, statt sich in Atombunkern zu verschanzen, Interessen am Hindukusch vertreten
Sicherheiten gingen verloren. Diese Verunsicherungen
in politischer Hinsicht,
in ökonomischer Hinsicht auf den Arbeitsplatz gern als Flexibilisierung euphemistisch umschrieben,
in privater Hinsicht in der Rollenfindung und Rollenkämpfen zwischen Mann und Frau
treiben uns weiter
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Der kulturelle Gegensatz und die veränderte gesellschaftliche Realität zwischen den Eltern- und Schülergenerationen, also euch und uns, scheint auf den ersten Blick riesig.
Versuche ich jedoch, diesen Gegensatz auf die Generation meiner eigenen Eltern zu übertragen, wird daraus ein ganzer Abgrund. Hier Anneliese Rothenberger und Heinz Schenk, dort die Entscheidung zwischen AC/DC und Queen, hier Faltenrock und Audi 80, dort das ausgeprägte Markenbewusstsein zwischen Levis und Wrangler.
Da fühlt man sich – für einen Moment nur – fast verbunden.
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Bei meinem Dank möchte ich mit den Lehrern und Lehrerinnen beginnen. Ich möchte mich bei jedem einzelnen Lehrer bedanken, dem es gelungen ist, dem einzelnen Schüler etwas einzupflanzen.
Eine Leidenschaft.
Die Freude am Fabulieren oder am Streiten und Debattieren.
Die Lust an der Logik.
Die Einsicht in die Unübersichtlichkeit.
Mit Wünschen an Euch möchte ich enden:
Es scheint heute schwieriger zu sein, sich bei den Entscheidungen, was Ihr mit Eurer Zukunft anfangen wollt, von der Neugier leiten zu lassen. Lasst Euch vom Drang nach Erkenntnis leiten, auch wenn der unmittelbare Zweck gerade nicht ersichtlich ist.
Leistung erschöpft sich nicht im Punktesammeln. Lebensqualität bemisst sich – wenigsten nicht ausschliesslich – nach Wohlstand. Es gibt ein Leben jenseits von Abiturnote, Konto und Karriere
Ihr werdet kaum wissen können, in welchen Bereichen Ihr zukünftig arbeiten und leben werdet. Brüche in der Berufsbiographie sind in meiner Generation noch nicht die Regel. Ihr werdet wohl keine sogenannte Normalbiographie erreichen. Eher Patchwork: privat wie beruflich. Das verlangt einem viel ab und kann eine große Chance sein.
Für alle Entscheidungen, die Ihr in Zukunft treffen werdet, gilt:
Ihr seid immer vor die Wahl gestellt
Ihr könnt Euch stromlinienförmig den Sachzwängen beugen
oder Ihr erlaubt Euch das Gegen-den-Strich-Bürsten, Eure Träume
Ich wünsche Euch Freiheit & Glück
Und ständig diesen Lärm
Rolf Mütze-Gutmann